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Leseprobe:

Pferdemarkt am Münchner Schlachthof



Ein Elefant kostet hunderttausend Euro

Pünktlich um acht beginnt die Band zu spielen. Morgens. Wir befinden uns in der großen Viehhalle im Schlachthof und heute ist Pferdemarkt. Vom Eingang her hört man das Hufgeklapper der eingetriebenen Tiere. Ihr Wiehern mischt sich auf illustre Weise mit dem Bayern-Sound der Blaskapelle und die feschen Jungs von der „Deininger Tanzmusi“ sind entzückt ob der weiblichen Aufmerksamkeit, die ihnen dank unseres journalistischen Detailinteresses entgegengebracht wird. Normalerweise mischen sie bei Abendveranstaltungen so richtig auf, aber hier, in dieser zugigen Halle mit Betonboden, gilt das Hauptaugenmerk freilich den Rössern. Davon stehen jetzt ungefähr achtzig in der breiten Hauptgasse, auf Stroheinlage dicht an dicht an den steinernen Futtertrögen, die sich durch die Länge des Gebäudes ziehen. Sie geben ein buntes Bild ab: große und kleine, in allen Farben, manche sind ansehnlich, andere eher ungepflegt. Es gibt schmucke Wallache, ungeduldige Hengste, Stuten mit Fohlen in wohnzimmerkompatibler Größe oder gescheckte Paare als Kutschgespann - sogar zwei Esel und ein paar Ziegen werden angeboten. Die meisten Tiere haben ein bisschen Heu bekommen, zur Beruhigung. Denn die Aufregung ist spürbar, die fremde Umgebung, die Unruhe der anderen und der ständige Lärmpegel lassen einige Pferde vor Angst schwitzen.
Das ist seit über hundert Jahren so. Seit 1876 existieren die Schlachthofhallen. Rossmarkt fand sogar zweimal in der Woche statt, damals, als das Pferd noch wirtschaftliche Bedeutung hatte. In Fraktur kann man an der Wand noch den Schriftzug lesen: „Vermeidet jede Tierquälerei“. Zur Sicherheit dasselbe noch mal auf einem gelben Transparent in modernen Buchstaben.
Pferdehändler sind eine raue Spezies, das sieht man ihnen an. Die meisten müssen wohl seit den frühen Morgenstunden unterwegs sein. Auf dem riesigen Parkplatz reihen sich ihre Transporter mit Kennzeichen aus Holland, Polen und Nordrhein-Westfalen. Man kann sie gut erkennen in dem Gewimmel von Schaulustigen. Der Händler trägt seinen Jackenkragen hochgeschlagen und einen Stock oder eine kurze Peitsche bei sich. Diese Hilfe dient ihm als Verlängerung seiner Hand, wenn er ein Pferd begutachten will, das Anfassen nicht schätzt. So kann der Profi mit dem Stock am Bauch oder Rücken des Tieres entlangfahren und testen, ob es sich wegduckt oder ausschlägt. Rosshandel treiben ist eben ein misstrauisches Geschäft. Man wird Unzulänglichkeiten oft nicht auf Anhieb erkennen und es ist leicht, zu betrügen. Und das wissen natürlich alle. Von Beruhigungs- und Aufputschmitteln ist ebenso häufig die Rede wie vom Manipulieren der Zähne, die dem Kenner das Alter zeigen sollen. Hat der Käufer dann zum letzten Mal mit der Hand eingeschlagen und sein Geld in bar an den Händler gebracht, wird er ihm wohl kaum wegen irgendwelcher zu spät erkannter Mängel nach Polen nachreisen, um zu seinem Recht zu kommen. Auf dem Pferdemarkt gilt also: gekauft ist gekauft. Auch das war wohl schon immer so.
Überhaupt das Einschlagen. Wir erhalten eine Einführung. „Zum Üben“ bekommen wir einen winzigen Ponyhengst namens Tommy Lee vorgeführt. Der Händler: „Ich sag’ jetzt mal 500 Euro, dann schlägst du ein und nennst deinen Preis. So trifft man sich irgendwo.“ Wir schlagen lieber nicht, aber wir hätten den süßen Kerl wohl am Ende für 250 Euro mitnehmen können. Wenn schon kein Pony, dann vielleicht eine Ziege? Dreißig Euro für den kleinen Bock. Was für ein Preis für ein Leben!
Ab etwa neun Uhr ist Weißbierzeit. Dazu kann man zwischen Leberkäs und Bratwürsten wählen - auch Rossbratwürsten. Die Kapelle bläst forsch vor den Biertischen, und man hat einen guten Blick auf die sogenannte „Vorführstraße“, ein paar mit Stroh ausgelegte Meter, auf denen vorgetrabt oder probegeritten werden kann.
Ein junger Vorreiter springt ohne Hilfe auf den nackten Rücken eines stattlichen Friesenwallachs und dirigiert das schnaubende Tier so elegant und natürlich wie ein Jüngling auf einer archaischen Vase. Eine Traube von Interessenten verfolgt das Geschehen, das Pferd ist sofort verkauft. Hier trifft sich selbstredend nicht die Hautevolee, die den Kauf ihres Sportpferdes am Champagnertischchen regelt. Hier ist das Gegenteil geboten: sozusagen die Schwemme einer Pferdeszene findet sich ein wie zum Volksfest, um zu schauen, zu lästern und vielleicht ein Schnäppchen zu machen. Denn man kann nicht nur Rösser kaufen, sondern auch allerlei Zubehör, von Messinglampen und Filzstiefeln für Kutscher bis hin zu gebrauchten Westernsätteln. Hier herrscht üppiges Tamtam, vielfarbig, launig und chaotisch, die Luft durchsetzt von Bratwurstfahne und gebrannten Mandeln, Wortfetzen, Peitschengeknall und Hundegebell.
Still sind nur die Profis. Diejenigen, die nicht zum Spaß da sind, die taxieren, abwägen, ob sich ein Kauf lohnt, den Wiederverkaufswert einschätzen, die Belastbarkeit für die tägliche Arbeit vor der Kutsche oder im Ponyzirkus. Die alten Hasen hier kennen sich seit Jahrzehnten. Da genügt ein Blick, um Interesse zu signalisieren, zwei-, dreimal eingeschlagen und das Pferd hat eine neue Zukunft.
Wir haben einen neuen Freund. Ein gutgekleideter Händler aus Straubing bietet uns „genau das Richtige“ an, einen himmelhohen Schimmel, der guckt, als ob er auf keinen Fall probegeritten werden möchte. Der Mann besitzt einen interessanten Familienhintergrund, „acht Brüder, fast alle im Pferdegeschäft. Nur einer bleibt abtrünnig, der handelt mit Socken“. Wir staunen gebührend. Sein Vater hat ihn schon auf den Markt mitgenommen, als er noch ein kleiner Bub war. Er hat etwa fünfzehn Verkaufspferde dabei, seine Kunden sind Freizeitreiter, Mädchen oder Eltern, die ihren Kindern das erste Pony schenken. Die Wirtschaftsflaute der letzten Jahre habe deutliche Spuren hinterlassen, erzählt er, früher sei er am Schluss mit viel weniger Pferden nach Hause gefahren.
Zapfenstreich ist Schlag zwölf. Kurz danach wird die Halle leergefegt sein, als wäre nichts gewesen. Eine seltsame Architektur, weitläufig und hell der Hauptraum, durch die hoch angesetzten Fenster fällt viel Licht auf die Gassen. Andererseits gezeichnet von den Spuren der Jahre, bröckelnd und verschmutzt wie ein alter Kuhstall. Man kann hier ein Verhältnis von Mensch zu Tier wahrnehmen, das durch dessen Nutzbarkeit bestimmt wird. Heute sind wir das nicht mehr gewohnt. Ein Schlachthof ist kein Ort für Romantik. Mittwochs werden hier Rinder verkauft.
Unser Straubinger scheint wenig Hoffnung zu haben, dass er an diesem Morgen noch etwas weiterbringt. Doch er liebe seinen Beruf, sagt er. Er stammt aus einer Schaustellerfamilie, die seit Generationen schon die Ponyzirkel auf der Auer Dult betreibt. Früher war sogar ein kleiner Zirkus dabei, nicht nur mit Pferden, sondern auch mit Kamelen und Elefanten. Was denn so ein Elefant gekostet habe, wollen wir wissen. Ach, damals sei alles noch einfacher gewesen, man habe das gewünschte Tier bei einer Zoohandlung bestellen und für zwanzigtausend Mark mitnehmen können. Heute ist die Ausfuhr von Elefanten aus ihren Ursprungsländern verboten. „Heute, wenn überhaupt, kostet ein Elefant hunderttausend Euro, das kann sich keiner mehr leisten.“ Spricht er und beginnt, seine Pferde für die Heimreise bereit zu machen.                    


                                                                     Text: Dido Nitz
                                                                     Fotos: Heinz Bestle


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